Vernissage-Rede von Thomas Hampus am 22. Sept. 2009

Meine sehr verehrten Damen und Herren


Sie befinden sich im Cafe „Ars Vivendi“, was ich Ihnen nicht hätte sagen müssen, Sie wissen es schließlich, wohin sich Ihre Schritte gewandt haben. Wenn wir den Namen des Hauses übersetzen, dann sind wir bei der „Kunst des Lebens“, also mittendrin zwischen Menschen.


Um diese geht es auch in der Ausstellung mit Fotografien von Harald Berlinger, der uns vor allem eines beschert: Ästhetik. doch dazu später mehr.


Sie gestatten mir, dass ich Sie zu einem Exkurs einlade. Sie dürfen die Augen schließen und huschen rasch mit mir in eine der mittelfränkische, historischen Städte, die gerade in der Ferienzeit wieder von vielen Touristen aufgesucht wurden. Diese Touristen, die wie Wanderheuschrecken über das alte Deutschland im alten Europa herfallen, können Sie am allerbesten daran erkennen, dass diesen das Gesicht völlig fehlt und statt dessen die oft asiatische Mimik durch eine Bildaufnahmemaschine – welcher Art auch immer – ersetzt ist. Faszinosum an dieser Spezies Mensch ist, dass sie unzählige Ablichtungen der Umgegend macht, vermutlich um Zuhause damit zu prahlen, wo man gewesen sei, jedoch mit annähernder Sicherheit kaum noch zu sagen weiß, wo wann was betrachtet wurde. Denn es wurde nichts betrachtet, lediglich geknipst.


Sie gestatten mir einen zweiten Exkurs:

Die beiden Kameras, die ich hier vor mir habe – die modernere ist die, mit der Harald Berlinger die hier zu sehenden Bilder gestaltet hat – sind von der Generation her mehr als fünf Jahrzehnte auseinander und dennoch unterscheidet sie letztlich nichts! Auch wenn Hanns Neumann 1937 im Buch „Leica Technik“ bemerkt, dass der Kamerafortschritt „Ausdruck des folgerichtigen Denkens einer Zeit, die in stetig fortschreitender Entwicklung technischer Überlegenheit bereit ist, nur traditionsgebundene Anhängsel konsequent abzustoßen ist“, so sind einige Parameter unabänderlich gleich geblieben: die Zeit, das Licht, die Optik.


Dabei ist es völlig gleichgültig, ob sie auf den Datenträger Film oder Compact-Flash ihre Bilder aufbringen. Die optischen Eigenschaften des bildraffenden Teleobjektivs und die des auseinandertreibenden Weitwinkels sind gleich geblieben, die Beleuchtungsprobleme haben sich nicht maßgeblich verändert, sind digital eher schwieriger zu handhaben, und der Datenträger ist dort wie da ein starrer Aufbewahrungsbehälter – nicht mehr. Also, fast alles beim alten.


So sind wir also bei nur einem Punkt angelangt, den der Fotograf beeinflussen kann, der Bildgestaltung. Er kann hin- und herrücken, muss mit klarem, scharfen Blick erkennen, was er später in den Kasten bekommt, hat die Qual der Wahl sein Objekt – und hier komme ich schon auf die Aktfotografie – als einer Art table-top-Fotografie – beleuchtungstechnisch und ästhetisch nach den Bildgestaltungsregeln von Diagonale bis Tiefe auszuloten. Die Kamera ist technisches Gerät wie Messer und Gabel, die ein zivilisierter Mensch zum Speisen nutzt, mehr nicht. Der Blick für und zum Objekt ist es, der das spätere Bild entweder zum Knipsobjekt oder zum Kunstwerk werden lasst.

Und ich meine, Berlinger hat mit dieser Ausstellung bewiesen, dass er den nötigen Blick hat.


Wer ihn kennt, weiß, dass Harald Berlinger ein wenig verrückt ist. Das ist gut so und auch nur so ist zu begründen, dass er uns zu den zahllos bereits erschienenen Aktfotografien mit weiteren beglücken will. Neues also kann der durchgeknallte Typ von der Ostalb uns nicht bieten.


Aber dennoch herrliche, ungewöhnlich ästhetische Ansichten dessen, was wir im Alltag vielleicht oft so wenig beachten: die Schönheit des menschlichen Körpers. Schon aus diesem Grunde heraus gestatten Sie und Harald Berlinger mir, dass ich die Aufschlüsselung seiner Exposition in die zwei Serien „Wasserspiele“ und „Microships entdecken die Erotik“ mit heftigem Protest korrigiere und die Ausstellung mit dem vielleicht auf den ersten Anhieb blassen Titel „Körperlandschaften“ versehe. Berlinger nähert sich mit Kraft der natürlichen Ästhetik der Körper seiner Aktmodelle, sucht und findet ihre Schönheiten und streichelt mit einem Abstand von einigen Zentimetern bildnerisch deren Konturen. Das ist das dezent-feine an seinen Aufnahmen und ich bitte Sie, diesen geschickt ausgesuchten Formen mit ihren Blicken sensibel, durchaus auch lustvoll, nachzugehen. folgen Sie dem Ductus, den Berlinger vorgegeben hat und vollziehen Sie ihn nach.


Berlinger hat sinnig auf viel Farbe verzichtet, ist ins Schwarz-Weiß-Bild gegangen um nur dem ästhetisch-formalen Genüge zu tun. Damit lenkt er vom Wichtigesten dessen, was er darstellen möchte, am wenigsten ab.


Ein wenig reitet jedoch Berlinger der Schelm in seiner Seele, wenn er mit den irrwizig kleinen Faltschiffchen Peter Koppens, den wir unter uns herzlich begrüßen dürfen, collagiert. Da persifliert es die Körperlichkeit oder stilisiert sie noch dramatischer als in Natura, er spielt mit der Natürlichkeit und erweitert sie mit charmantem Spitzbubentum. Aber was will man schon anderes erwarten, wenn Koppen und Berlinger, zwei große Jungs, aufeinandertreffen: allemal was Heiteres mit Geist.


Und hier mit Farbe! Während die Aktdarstellungen wieder in den Grauab-stufungen der Schwarz-Weiß-Fotografie gehalten sind, übernimmt der Fotograf die Farbigkeit der Miniaturschiffchen Koppens in seine Aufnahme. Der dadurch entstehende Kontrast einerseits und die damit erlangte Verstärkung der Aussage des Bildes, wie Berlinger es sehen möchte, gelingt durchaus auf heitere Weise.


Noch kurz:

Was sind erotische Fotos? Wie weit sind sie von Pornographie entfernt. Dazu zwei Zitate: Siegfried Placzek betont „Pornographie in Literatur und Kunst liegt vor, wenn Sexuelles  aufreizend ohne jede künstlerische Verarbeitung gezeigt wird, wenn Geist daraus verbannt ist“. Oder Gesine Bauer meinte 1995 vergleichend etwas drastisch dass „Erotisches mit Delikatessengenuß, Pornographisches mit Fast-Food-Konsum“ auseinanderzuhalten sei.


Meine Damen und Herren, hier bekommen Sie keine Fast-Food-Kost, lassen Sie sich auf die Schönheit der Bilder und deren ein, die Modell gestanden haben, vielleicht in vielen, strapaziösen Sitzungen. Denn es muss zugunsten der Models bedacht werden, dass nicht nur die Sitzungen, sondern auch Harald Berlinger ganz schön strapaziös sein kann.


Ich darf Ihnen viel Vergnügen beim intensiven Betrachten der feinen Bilder wünschen!




© Thomas Hampus 22.09.2009